Steuerberater
Mag. Helmut Lercher

 
 

DIE ZEIT, 27.11.2008 Nr. 49
 

Immer im Einsatz

Martenstein

Von Harald Martenstein

Unser Kolumnist muss ein Fahrtenbuch führen und ist jetzt nur noch dienstlich unterwegs

Mein Steuerberater sagt, ich soll Fahrtenbuch führen. Sonst muss ich für das, was ich mit dem Auto tue, hohe Steuern bezahlen. Ich soll dieses Buch kaufen, und ich soll jedes Mal, wenn ich Auto fahre, das Datum, den Kilometerstand, den Zweck meines Tuns und alles mögliche andere, das ich schon wieder vergessen habe, in das Buch schreiben, sofort, nicht etwa irgendwann.

Von dem, was ich verdiene, zahle ich Steuern. Mit dem Geld, das übrig bleibt, kaufe ich Dinge, zum Beispiel ein Auto. Beim Kaufen wird erneut eine Steuer fällig. Das heißt, bevor ich ins Auto steige, ist mein Geld schon zwei Mal einer steuerlichen Verminderung unterzogen worden, das Benzin wird auch versteuert, die Reifen, der Verbandskasten und der ganze andere Scheiß, entschuldigen Sie, ich rege mich auf, aber, wenn ich endlich fahre, wenn ich endlich mit dem Rest, der mir bleibt, eine kleine Runde um die Häuser drehen will, wird das auch noch versteuert?

Ich will nicht mein ganzes Leben protokollieren, dann kann ich ja gleich ein verdammtes Tagebuch führen. Das ist wie im Überwachungsstaat, nur dass es keine Videokamera tut, ich selber soll es machen. Ich finde den Kugelschreiber nicht, damit fängt’s schon mal an. Ich bin manchmal spontan. Kapiert Ihr das, Ihr Finanzamtsbubis? Spontan, kennt Ihr das Wort?  

Ich fahre manchmal spazieren. Ja, wundert Euch ruhig! Ich fahre spazieren, um auf Ideen zu kommen. Ist das privat oder geschäftlich? Ich habe eine Idee, dann halte ich an, steige aus und vergesse, das Fahrtenbuch auszufüllen, und bin auch noch stolz darauf, dass ich nicht diese Art Typ bin, die Ihr als Staatsbürger gerne hättet, eine Ameise, ein Mehlwurm, der ständig an sein Fahrtenbuch denkt.

Ich will auch vergessen. Es gibt Dinge, die ich vergessen will, oh ja. Soll ich alles eintragen? Man kann nicht leben, ohne zu vergessen! Ohne zu träumen! Lest Freud! Nie gehört, den Namen? Das dachte ich mir. Unser Geld könnt Ihr uns wegnehmen, unsere Freiheit, unsere Ehre, unsere Vorsteuerabzugsfähigkeit, aber nicht unsere Träume, das nie.

Eine Freundin rief an. Sie hat Karriere gemacht. Sie ist ein hohes Tier. Sie sagt, natürlich fälsche ich mein Fahrtenbuch. Jeder tut das. Die Ansprüche des Staates an uns sind unrealistisch, niemand kann das schaffen. Ich fülle einmal im Monat das Buch aus. Dabei entsteht das Bild eines Menschen, der ich nicht bin. Diese Person fährt, weil sie eine Unterlage im Büro vergessen hat, um 20 Uhr noch mal ins Büro, 68 Kilometer hin und zurück, dienstlich.

Diese Frau fährt, wegen einer dienstlichen Frage an ihren früheren Chef, 144 Kilometer, statt zu telefonieren. Bevor sie ihre neue Stelle angetreten hat, ist sie elf Mal zu Vorbesprechungen von Hannover nach Krefeld gefahren. Ich mag diese Frau nicht. Sie ist zwanghaft und antiöko. Ich sagte, dass ich in meinem Fahrtenbuch ein Mann bin, der jeden Tag das Fitnessstudio aufsucht, 14 Kilometer. Dieser Mann muss, bevor er eine einzige Zeile schreibt, sich immer vier Mal beraten, mit der Agentin oder mit Dr. Clemens Rabelang, das ist ein Mann, der überhaupt nur in meinem Fahrtenbuch existiert.

Es gibt eine Parallelgesellschaft, sagte ich, ein zweites Deutschland. In den Fahrtenbüchern. Ein Land, wo man sich ununterbrochen berät und immer dienstlich unterwegs ist. Man könnte einen Film drehen, in dem das Fahrtenbuch-Paralleluniversum die Macht übernimmt. Alle verhalten sich genau fahrtenbuchgemäß. Die Wirtschaft bricht zusammen. Ja, genau! Über dieses Filmprojekt berate ich jetzt mit Dr. Clemens Rabelang. Vier Mal.

Zu hören unter: www.zeit.de/audio

Zum Thema

DIE ZEIT 48/2008: Das Problem mit der Moral Harald Martenstein ärgert sich über unfreundliche Berliner Busfahrer
DIE ZEIT /2008: Martenstein 2008 Alle aktuellen Kolumnen im Überblick
DIE ZEIT, 27.11.2008 Nr. 49